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22.07.2014

Die Zukunft des Radios

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Das Radio ist ein wunderbares Medium, das viele der Verheißungen des Internets schon lange eingelöst hat. Es ist klein, handlich, drahtlos, so gut wie überall zu empfangen und seine Nutzung ist jedem Menschen geläufig, ohne Betriebssystemkenntnis. Das Telefon als Rückkanal hat das Radio schon früh zum ersten interaktiven Kommunikationsmedium gemacht.

In seinen Anfängen überschritt das Radio Grenzen, so wie heute das Netz – geografische, ethnische, soziale, kulturelle. 

Es brachte Menschen in Kontakt mit Orten, Klängen und Lebensgefühlen, die sie sonst niemals kennengelernt hätten. In den 30er-Jahren führte die Sängerin Oum Kalsoum den ägyptischen Rundfunk ein und präsentierte an jedem ersten Donnerstag im Monat ein neues Lied. Radio Kairo verstärkte seine Sendeleistung und von Marokko bis zum Golf saß alles vor dem Radio. Politiker vermieden es, donnerstags Reden zu halten.

Heute gibt es keine solch mächtigen Kristallisationspunkte mehr. Dafür eröffnet sich mit der Digitalisierung eine neue mediale Vielfalt, die zugleich beunruhigend kompliziert und voller Möglichkeiten ist. Die digitale Substanz, aus der nun alles besteht, hat eine einzigartige neue Leichtigkeit. Digitale Dinge lassen sich ungleich leichter bewegen als zuvor, weltweit senden, empfangen, verändern, kopieren, remixen und mit anderen teilen. Die ganze Medienwelt wird neu aufgemischt und altgewohnte Strukturen lösen sich auf. Prominentes Beispiel ist das Musikalbum, das im Internet praktisch aufgehört hat zu existieren. Stattdessen werden nun einzelne Tracks gehört und gekauft. Und das Radio? War immer schon der Ort, an dem einzelne Tracks gespielt wurden.

Sicher ist, dass Radio schon in ein paar Jahren etwas radikal anderes sein wird als heute. 

Alle Geräte, auf denen in Zukunft Radio stattfinden wird, haben ein Display – Smartphones, Tablets, Musicplayer. Also gibt es auch Radio mit Bild, auch Bewegtbild. Die ersten Visual-Radio- Angebote, unter anderem der Jugendsender BBC Radio 1, sind bereits sehr beliebt. Was unterscheidet ein Radioprogramm dann von einem Fernsehprogramm?

Womöglich der versierte Umgang der Radiomacher mit den vormals Zuhörern, die nun Teilnehmer sind, die viel mehr und selbstverständlicher mitmachen, weil sie mit den Möglichkeiten der vernetzten Maschinen sozialisiert wurden, und die an ihren verschiedenen Lieblingsorten im Netz abgeholt werden müssen, auf Facebook und Twitter ebenso wie in den Foren und Kommentarbereichen der radioeigenen Angebote im Netz.

Radioarchive – eine riesige Ressource

Aus einem der großen Probleme vieler Radiosender – den in den Archiven schlummernden Schätzen, die keiner Suchmaschine zugänglich sind – könnte, mit Schwung in Angriff genommen, auch eine Lösung werden. So könnten mit Software, die Wortbeiträge automatisch in für Menschen und Google lesbare Texte verwandelt, riesige Ressourcen für den Zugriff im Netz erschlossen werden (die meisten Zeitungen haben ihre Archive längst digitalisiert). Der Weg in die digitale Zukunft wird auch für das Radio nicht einfach. Ob sich ein eigener technischer Standard wie DAB+ gegen die Übermacht von IP – des Internet-Protokolls – zu behaupten vermag, ist ungewiss. Das Internet dagegen ist nicht darauf ausgelegt, eine beliebige Anzahl von Zuhörern zu besenden: Es steht nur eine bestimmte Bandbreite zur Verfügung. Große Reichweite kann so für Radiosender eine kostspielige Angelegenheit werden.

»Bevor Pandora, Spotify oder gar Google das Radio neu definieren, sollten sich die Radiomacher schleunigst selbst um ihre Zukunft kümmern «,

findet der Medienexperte Robert Kindermann. Das Internet erobert das Auto, bisher Refugium reinsten Radiohörens. Musik wird nun auch aus dem Fernseher gehört. Warum sind viele Radiosender mit ihren Inhalten nicht auf YouTube, Spotify und SoundCloud?

Wie immer stellt die Zukunft vor allem Fragen. Und so wie es aussieht, wird das Radio eine vielstimmige Antwort finden.
Sicher ist, dass Radio schon in ein paar Jahren etwas radikal anderes sein wird als heute.

Kommentare zu diesem Beitrag (1)

  1. Markus Käkenmeister | 1. August 2014, 9:33 Uhr

    Radio so wie wir es heute kennen, ist ja mehr als die (manchmal geschickte) Aneinanderreihung von Musiktiteln.

    Populäre Programme definieren sich durch eine möglichst unverwechselbare, aber hinreichend homogene Mischung aus idealerweise interagierenden Musiktiteln, Moderation, Jingles, Sounder, Stinger und wie die Elemente alle heißen.

    Die reine Playlist genügt sicher nicht, um massenattraktive Programmierung vorzunehmen. Wer sich mal die Mühe machen musste, eine Abfolge von ca. 200 Liedern zusammenzustellen, weiß, dass dies sehr viel Arbeit ist. Daher ist Radio ein netter Lieferant, Musik manipuliert recht unmittelbar die Emotionen des Rezipienten, sie aktiviert, verstärkt – das ist eine ideale Kombination.

    Ich verstehe nicht, warum man in Deutschland immer noch auf UKW beharrt. Die im deutschen Radio dominierenden Verleger wiederholen die Fehler, die sie im Print gemacht haben. Gut laufende Sender sind nach wie vor Gelddruckmaschinen. Das Establishment wehrt sich gegen jede Neuerung bis es zu spät ist. So klingt Radio heute wie vor 10 oder 15 Jahren! Wenn man sich überlegt, wie oft man seither sein Handy / Smartphone gewechselt hat…

    Ein im deutschen Raum völlig unterbelichtetes Genre ist Talk Radio. Damit ist nun nicht das einstündige Vorlesen von Nachrichten und Tickermeldungen gemeint, sondern die von einer Person mit subjektiven Blickwinkekn getragene Reflektion aktueller Ereignisse. Das könnte ein angenehmer, authentischerer Gegenpol zur den durchgescripteten Talkshows im Fernsehen werden.